NO! Mitmachen
gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt

 
   

So hat alles angefangen
und führte zur Projektwerkstättenarbeit.
Eine Geschichte,
zusammengetragen 2003,
(zeitlich ungefähr in der Mitte der bisherigen Entwicklung)
die denen Mut machen kann,
die Anfänge noch vor sich haben.

 

   
  1. Uns hat es gereicht...  
   

Wir akzeptieren die Sprache der Gewalt in unserer Stadt nicht. Wir wollen gewaltbereite Glatzköpfe hier nicht haben. Wir lassen uns durch die Drohungen von Leuten, die neonazistischem Gedankengut anhängen, nicht einschüchtern.

 

 
 

Die Initiative N.O. - für ein gewaltfreies Miteinander ist als ein zunächst loser Zusammenschluss von Jugendlichen, vor allem Schülerinnen und Schülern entstanden, mit Unterstützung von einigen Erwachsenen.

Wir alle wollten die stillschweigende Duldung von verbaler und körperlicher Gewalt nicht mehr hinnehmen. 

 
     
 
Beispiele, aus der Liste der Vorfälle, die wir gesammelt haben:
  • „Eine Gruppe von fünf Rechten stellt sich mir in den Weg und pöbelt mich voll. Sie gehen auf mich los und schlagen mir in den Magen. Andere, die in der Nähe sind, trauen sich nicht, was zu machen. Ich kann weglaufen und mich verstecken.“
  •    „Wir sitzen in einer Kneipe als eine Gruppe uniformierten Nazis mit Pitbulls auftauchen. Auch vor der Kneipe sind welche. Niemand traut sich mehr etwas zu sagen. Jemand hält einen Polizeiwagen an. Die Polizisten fragen was los sei und ob jemand verletzt worden sei. Als dies verneint wird fahren sie einfach weiter. Wir haben Angst.“
  • „Ein Auto mit Faschos fährt an mir vorbei, bremst, sie beschimpfen mich, springen raus, schlagen mich mit einer Art Stange zu Boden, fahren weg. Von den anderen Passanten hat niemand was gesehen.“
 
     
 

Bedrohungen, Pöbeleien, Gewalt durch das vagabundierende Nazitum hatten in Neustadt zu einem Klima der Einschüchterung und Machtdemonstration geführt, in dem es möglich war, dass der Marktplatz zur „national befreiten Zone“ erklärt werden konnte.

Die vermehrten Vorfälle rechtsextremistischer Gewalt in unserer direkten Umgebung und in kürzester Zeit waren der Anlass für die Gründung der Initiative NO im Spätsommer 2000.

 
     
   
  • Unser Treffpunkt in der Stadt wurden angegriffen.
  • Wir konnten uns nicht mehr frei bewegen.
  • Wir fühlten uns bedroht.
  • Wir hatten Angst.
  • Und vor allem: Wir hatten übelste Wut.
  • Uns hat es gereicht.
 
     
 

Muss man sich damit abfinden, dass der Marktplatz mit Nazi-Musik bedröhnt wird?

Muss man hinnehmen, dass sich dort 40-50 Faschos nach Belieben breit machen können und dass dort der Spruch galt: „Nur die Rasse ist Klasse“?

Muss man sich damit begnügen, dass die Erwachsenen sagen, man solle eben nicht „da“ hin gehen, wo „die“ sind?

Wegschauen?

Nicht mitkriegen, wenn angebliche „linke Zecken“ in der Schule mundtot gemobbt werden?

„Den Mund halten“?

Und einfach nur mehr und mehr Angst haben?

 
     
 

Unsere Wut, aber auch das Gefühl einer unendlichen Ohmacht wuchs mit jedem Ereignis, das zeigte, dass Rechtsextreme und Rassisten sich fast nach Belieben breit und bemerkbar machen konnten.

 
 

 

 
  Im November 2000 wurde eine erste große Veranstaltung durchgeführt, die sich an alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt richtete.  
     
 

Sie wurde damit eröffnet, dass auf einer Stadtkarte 35 Vorfälle rechter Gewalt der letzten Zeit mit roten Punkten eingetragen wurde.

 

Die Veranstaltung fand im Rathaussaal statt.

Es herrschte zunächst ungläubiges, dann betroffenes Schweigen.

 

Bewusst versuchten wir, mit unserer Initiative an die guten Traditionen einer demokratischen, humanistischen und auch christlichen Sammlungsbewegung anzuknüpfen. Wir stellten ein 45minütiges ökumenisches Friedensgebet in der ev.-luth. Kirche an den Anfang.

 

In einem langen Zug schritten ca. 300 Menschen von dort zum Rathaus.

Der Saal war völlig überfüllt.

Die Diskussionen mit Referenten vom Zentrum für demokratische Kultur, vom DGB und von Vertretern der lokalen Politik wurden per Lautsprecher auf den Vorplatz übertragen.

 

Viele der roten Punkte für Übergriffe auf der Karte fanden sich beim Marktplatz.

 
     
  Der Markt wurde zum Abschluss der Veranstaltung mit einer Kundgebung und Menschenkette zu einer gewaltfreien Zone erklärt und symbolisch wieder „in die Stadt, zu uns“ zurückgeholt.  
  nach oben  
     
     
  2. Vorbehalte, Einwände, Hindernisse  
     
 

Bevor es jedoch zu diesem Aktionstag kam, mussten wir uns mit erhebliche Schwierigkeiten und größten Vorbehalten auf allen Ebenen in der Stadt auseinandersetzen.

Erst am Ende stand die Möglichkeit, den Rathaussaal nutzen zu dürfen.

Schon früh zeigte sich die ganze Palette an Vorbehalten, Einwänden und auch Abwiegelungen, die uns bis heute entgegengehalten wird.

 
     
 

 

  •  Durch Aktivitäten gegen „die Rechten“ werde das Problem „erst richtig“ in die Stadt geholt.

  •  Die Stadt werde als Wirtschaftsstandort „durch eine öffentliche Diskussion um rechte Gewalt gefährdet“ – und in ein „rechtes Licht gerückt“.

  •  Man dürfe „die rechten Jugendlichen“ nicht einfach ausgrenzen, und überhaupt sei das Ganze doch nur ein Streit zwischen verschiedenen Jugendgruppen, so wie das schon immer war...

  •  Immer wieder wollten die Gesprächspartner nicht glauben, dass sich die geschilderten Vorfälle wirklich zugetragen haben sollen - „hier? bei uns?“

  •  Es wurde immer wieder deutlich, dass ein öffentliches Auftreten gegen Rechts als ein ganz heißes Eisen gilt, von dem man die Finger lässt – auch wenn man weiß, was läuft.

  •  „Dazu sag ich nichts, da mach ich nichts, die zerkratzen mir dann mein Auto oder tun sonstwas.“

 
 
     
  Diese Einschüchterung haben die Neonazis also schon geschafft, mit ihrem Bomberjacken-Springerstiefel-Baseballschläger-Glatzen-Mythos. Dickleibige Männer mit Dosenhirnen.  
     
 

Die Unkenntnis über das, was vorgeht, war unglaublich groß.

Das Nicht-Wissen wurde aber noch übertroffen durch das Nicht-Wissen-Wollen.

Gespräche mit „Offiziellen“, etwa von der Stadt oder auch von der Polizei, die um Beistand gebeten wurden, verliefen zunächst im Sande.

 
  nach oben  
     
     
  3. Was tun gegen rechts?  
     
 

Wenn wir nicht aufgeben wollten, mussten wir Wut und Angst, Enttäuschung und Frustration überwinden. Zunächst stellte sich nun die Aufgabe, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, zu informieren und Unterstützung zu suchen.

Das hieß, möglichst viele Wege der demokratischen Meinungsbildung zu erlernen und einzusetzen. Dazu gehört:

 
     
 

 

  • Die Fakten zu sammeln.

  • Ein Bündnis aufzubauen.

  • Multiplikatoren und Funktionsträger einzubinden.

  • Die eigene Argumentationsbasis zu verbessern.

  • Experten hinzuzuziehen.

  • Und all dies sollte so schnell wie möglich passieren.

 
     
 

Wir wandten uns gezielt an Vorsitzende von Parteien, an Geschäftsführer von Betrieben, Vertreter von Vereinen, Mitarbeiter von Jugendeinrichtungen, an Lehrer und Pfarrer und luden sie zu Treffen ein.

Die fanden zunächst im angemieteten Hinterzimmer eines Hotels und in der Schule statt.

Es wurden Kontakte zu Referenten geknüpft.

An Wochenenden besuchten wir Bildungsseminare zum Thema Rechtsextremismus, Fascho-Musik, Nazis im Internet, rechte Organisationsformen und -methoden.

 

Wir versuchten auch gezielt, das Thema unter Mitschülern ins Gespräch zu bringen. Wir organisierten erste öffentliche Diskussionsrunden, u.a. mit Vertretern von Polizei und Staatsanwaltschaft.

Und: Wir schalteten die Medien ein.

 
     
 

Berichte in überregionalen Zeitungen – besonders in der FAZ - sorgten für Furore.

Interviews und Reportagen erschienen u.a. in der Berliner Morgenpost und in der WOCHE.

In diversen Hörfunkprogrammen sowie in Fernsehbeiträgen wurde die Situation aufgegriffen.

Auch die Presse in der Partnerstadt wurde angesprochen.

Wir versuchten außerdem verstärkt, uns Hilfe auf der Bundesebene zu sichern.

Denn in der Stadt, vor Ort, hatte sich die ablehnende Haltung zunächst nicht geändert.

 
  nach oben  
     
     
  4. Frustrationen überwinden, Unterstützung gewinnen  
     
 

Ein Tiefpunkt war erreicht, als wir in einer Stadtratssitzung das geplante Veranstaltungsprogramm vorstellten und um Unterstützung baten.

Ohne jede Diskussion wurden wir abgekanzelt und das Thema übergangen.

Stattdessen meldete sich ein Ratsherr und warf in die Runde, dass nun endlich „über die Blumenkübel an der Hauptstraße“ geredet werden müsse.

 Wir hatten ganz ernsthaft das Gefühl, dass es für uns in unserer Stadt keinen Rückhalt gibt, mehr noch: keine Sicherheit. Dass hier die sogenannte Wirtschaftsförderung vor unserer Angst rangiert.

Und dass es o.k. ist, wenn es Rechtsextremismus und Rassismus gibt, solange er mit den richtigen Blumen begrünt wird.

Über die Bundestagsabgeordnete wandten wir uns an den Bundestagspräsidenten.

Es wurden Kontakte zum Innenministerium gesucht.

Hilfesuchend fanden wir die Unterstützung von einigen Erwachsenen, die eine stillschweigende Duldung von verbaler und körperlicher Gewalt ebenfalls nicht mehr länger mitmachen wollten, darunter Lehrer und auch Frauen aus dem Stadtrat

Und wir hatten das Glück, dass sich Unterstützung durch Menschen fand, die landes- oder bundesweit gegen Rechtsextremismus aktiv sind.

Mit deren Hilfe also versuchten wir, unser Vorhaben zu strukturieren und zu organisieren.

Durch diese Bemühungen wandelte sich unser Aktionskreis vom Ausgangspunkt einer Selbsthilfe aus Wut und Angst zu einer Solidargemeinschaft.

 

 
     
 

Langsam wuchs auch in der Stadt der Kreis derjenigen, die mitmachen und helfen wollten.

 
 

 

 
 

Ein Durchbruch wurde aber erst geschafft, als der Bundestagspräsident Wolfgang Thierse unsere Einladung angenommen hatte und Ende Januar in Neustadt zu Gast war.

Er sprach in einer von uns organisierten Podiums- und Bürgerdiskussion.

Sie stand unter dem Motto „Lieber bunt und rund statt rechter Winkel“.

Mehr als 500 Menschen kamen dazu in die Neustädter Festhalle.

Wolfgang Thierse brachte auf dem Podium vieles von dem zum Ausdruck, was er zuvor in einem Treffen von uns erfahren hatte.

   
     
  Mit dieser Großveranstaltung konnte ein breites Publikum erreicht werden, auch und gerade ältere Menschen, Funktionsträger aus dem regionalen Bereich und wiederum viele Medien. Dadurch konnte der Unterstützerkreis für unsere Initiative weiter gefestigt werden.  
       
   
  • "Wir dürfen keine Angst haben“.
  • „Es ist wichtig zu zeigen, dass wir die Mehrheit sind“.
  • „Lassen Sie nicht nach!“
   
     
  Dies waren die Schlagzeilen in der lokalen Presse und die Botschaften des Abends.    
  nach oben    
       
       
  5. Einmischen, durchhalten, weiterkommen  
     
  Die Anfangsphase unserer Initiative zeigt, welche Schritte, wie viele Konflikte und  Frustrationen und durchlaufen werden mussten, um den öffentlichen Raum zurückerobern zu können. Inzwischen hat die Initiative N.O. Rückhalt in einem größeren Kreis von Organisationen und Personen gefunden und wird u.a. von lokalen Vereinen und Parteien, Schulen sowie Jugendverbänden und auch Betrieben unterstützt. Dies zu erreichen und fortzuführen verlangt einerseits viel Beharrlichkeit und andererseits auch Kompromissbereitschaft .  
       
  Mit dem Titel „Für ein gewaltfreies Miteinander“ haben wir versucht, einen positiven Ausdruck für das zu finden, was wir wollen. Hauptsächlich haben wir das Problem von Rechtsextremismus und Rassismus, der latent da ist, der aber auch pöbelt, bedroht und prügelt.    
       
 

In der Folgezeit wurden eine Reihe weiterer Aktivitäten und Projekte durchgeführt, immer ausgehend von dem Grundansatz:

zu informieren, zu argumentieren und zum mitmachen zu bewegen.

 
     
  Unsere praktische Arbeit findet durch Veranstaltungen, mit Workshops, in Schulen, Jugendeinrichtungen und über die Medien statt. Wir organisieren fast monatlich Lesungen, Diskussionen, Filme, Konzerte. Nach wie vor ist es ein zentraler Schwerpunkt, über die Situation aufzuklären, Dialoge, wo es geht, zu fördern. Und: Aktivitäten zum Mitmachen anzubieten.    
     
 

Wir haben Treffen mit gesprächsbereiten Jugendlichen aus der rechten Szene veranstaltet.

Auf „neutralem Boden“, z.B. in der Schule, haben sie stattgefunden und verliefen letztlich immer irgendwie unbefriedigend.

Was soll man noch sagen, was hatte man eigentlich gesagt, fragt man sich, wenn einem zum Abschluss der Runde der Hitlergruß präsentiert wird...

 
     
 

Ein Weiterkommen zeigt sich auch eher im kleinen. Wir lassen uns nicht mehr einschüchtern.

Wir gehen z.B. mit Flyern und unseren Argumenten gegen den NPD-Stand auf dem Markt an

Die Stadt wiederum schafft es, sich gegen diesen Stand auszusprechen.

Der vielleicht bisher nachhaltigste Effekt unserer Arbeit mag jedoch sein, dass auch andernorts, wie im nahegelegenen Triptis, sich ähnliche Gruppen zusammenfinden, wiederum im Kern aus Jugendlichen bestehend.

Mit Triptiser Initiative "für ein gewaltfreies Triptis" arbeiten wir mittlerweile eng zusammen.

Wir nutzen unsere Kontakte z.B. für Podiumsdiskussionen in Schulen und treten dort selbst auf.

In den Diskussionsveranstaltungen finden wiederum andere Jugendliche aus dem Publikum den Mut, über ihre Ängste, ihre Bedrohungserlebnisse und ihre Erfahrungen mit den Rechten zu sprechen.

Wir können ihnen zeigen, dass sie ernst genommen werden und Hilfe anbieten.

 
     
  Aber wir erfahren nun erst recht, durch die Vielzahl von Berichten, die uns erreichen, in welchem Ausmaß Rassismus schwelt, wie sehr schon Kinder im Alter von neun oder zehn Jahren von martialisch auftretenden Rechten unter Druck gesetzt werden und was alles verbalen oder körperlichen Verletzungen in der Umgebung stattfindet.  
  nach oben  
     
     
  6. Anti-Rex: Vom Reagieren zum Agieren  
     
 

Rechtsextremismus und Rassismus – latent oder offen – ist aber nicht nur ein Problem der Jugendlichen hier in der Region, sondern reicht tief in die gesamte Alltagskultur hinein.

Hier unterscheidet sich Neustadt wohl kaum von vergleichbaren Städten anderswo in Deutschland.

Sicherlich gibt es Verbindungen zwischen dem, was von Eltern, in Vereinen oder Betrieben und auch in den Medien als Meinungsbild vermittelt wird, und den Auffassungen, Weltbildern und Selbstzuordnungen, die zwischen Jugendlichen kursieren.

 
     
 

Aus den Beobachtungen und Vorfällen, die wir sammeln, aber auch aus Gesprächen mit rechten Jugendlichen lässt sich für ihr konkretes Verhalten ableiten:

Zumindest das Pöbeln gehört für die Rechten zu ihrem Selbstverständnis dazu. Sie sehen dies als „kämpferische, deutsche Haltung“.

Wir bezeichnen dies als eine Form von „ideologisierter Gewalt“.

Darunter fassen wir auch weitere Verhaltensweisen, die bei den rechts oder national Orientierten oft anzutreffen sind:

 

Sie grenzen massiv aus. Sie greifen mindestens verbal andere Jugendliche an. Wenn sie in festen Gruppen auftreten, führen sie Bedrohungs- und Einschüchterungssituationen oftmals gezielt herbei, jedenfalls gegenüber Gleichaltrigen und Jüngeren.

Sie versuchen Hegemonie durchzusetzen, Parolen zu etablieren oder ganz einfach Druck auszuüben.

Solcher Druck reicht vom Erzwingen des Hitlergrußes über Taschengelderpressungen bis zu ultimativen Forderungen, wie z.B.: „Bis übermorgen hast du deine Haare abgeschnitten“, „Wenn du hier noch einmal auftauchst, kannst du dein Fahrrad vergessen“ etc.

Solche gewaltsamen Auftritte gelten bei ihnen auch als „Mutproben“.

 

Hierbei spielt wiederum der Teil der (meistens) älteren Jugendlichen - von ca. 16 bis 19 Jahren - eine Rolle, da in dem rechten Spektrum selbst Druck ausgeübt wird, an dessen Ende Organisierte stehen. Es ist zu beobachten, auch in unseren Veranstaltungen mit Schülern der unteren Klassen, wie es offenbar eingespielte Kommunikationskanäle gibt, die dazu dienen, Anweisungen weiterzuleiten, einzuschüchtern, Verhaltensweisen abzufordern.

 

Unterschieden werden sollte aber zwischen den Haltungen und Verhaltensweisen der „Baby-Glatzen“ und denjenigen Jugendlichen, die dem organisierten Neonazitum nahestehen oder bereits dazugehören. Und eine andere Teilgruppe des Rechtsextremismus stellen wiederum die rechten Schläger und knallharten Nazitrupps dar.

 

Diese Unterscheidungen bieten Ansatzpunkte für ein konstruktives Umgehen mit der Situation, d.h. auch für Eingriffs- oder Bewegungsspielräume. Gegen die Gruppe der Nazis helfen nur Selbstschutz, Anzeigen und ein Mobilisieren der Öffentlichkeit. Im Bereich der sogenannten Jugendkultur ist die Situation jedoch diffuser.

 
     
 

Zunächst einmal ist verstärkte Aufklärung im gesamten Umfeld nötig – sowohl, was die größeren und kleineren Vorfälle und Konflikte betrifft, als auch darüber, was Weltbilder, Zeichen, Organisationen des Rechtsextremismus und Rassismus beinhalten.

Erschreckend ist, wie wenig Eltern, aber gerade auch Lehrer wissen.

   
     
 

Und dann kommt es darauf an, diejenigen zu stützen, die dem Rechtsdruck ausgesetzt sind, die ihm nicht nachgeben, die versuchen sich gegen Rechts positionieren.

 
       
 

Repressionen, auch körperlichen Angriffen sind immer wieder die ausgesetzt, die sich in Schulen oder Jugendeinrichtungen als „nicht-rechts“, z.B. als Skater oder bunt-alternativ, zeigen.

Gerade diese Gruppen werden aber oft von den Stadtoberen mißtrauisch beäugt.

 
     
 

Insgesamt ist es wichtig, vom Reagieren zum Agieren zu kommen.

Schon allein deshalb, um den Sog nach Rechts bei den Jüngeren einzudämmen.

Ein zentraler Aspekt ist es deshalb für uns, eine Gegenkultur aufzubauen und dadurch Alternativen dem rechten Alltag entgegenzusetzen.

   
  nach oben  
     
     
  7. Gegenkultur aufbauen  
     
 

Für ein gewaltfreies Miteinander als positives Ziel einzutreten heißt für uns, für eine demokratische und humane, bunte und kreative Kultur zu stehen und diese Position immer wieder gegen alle Schwierigkeiten und Angriffe zu behaupten.

 
     
 

 Ein Event, mit dem dies gezeigt werden konnte, war das Hiphop-Konzert mit fünf Live-Acts, das wir zusammen mit dem Neustädter Trial e.V. präsentierten. Es war im April 2001 der Start für die Hip-Hop-Tour gegen Rechts. Dieses Konzert fand wiederum in der Neustädter Festhalle statt und erreichte rund 700 zumeist jüngere Jugendliche.

 

Weitere große Veranstaltungen waren 2001 z.B. ein Jugendforum in Neustadt/O., eine Aktionsnacht unter dem Motto „Respekt!“ in Pößneck oder auch ein „Funsporttag“ in Triptis.

 

2002 folgten neben anderem: Auschwitzfahrt, Planspiel (in Triptis), Netzwerktreffen und Ausstellungen in den Schulen. Und auch wieder ein Jugendforum, das in einer Reihe von Aktionen zum Bereich Alltagsrassismus/Asyl steht.

 

Diese und andere Aktionen werden von uns bewusst in Kooperationen organisiert und durchgeführt, zusammen mit Einrichtungen der Jugendarbeit, mit Schulen und anderen Kampagnen oder Initiativen, fast regelmäßig in Zusammenarbeit mit der Initiative für ein gewaltfreies Triptis.

 

Denn Teil unseres Ansatzes ist es, auch LehrerInnen und MitarbeiterInnen zu erreichen und Verbindungen zu schaffen. Dafür organisieren wir Seminartage/Zukunftswerkstätten in Schulen oder bspw. Fortbildungen für JugendarbeiterInnen.

 

Dabei werden Information und Argumentation zum Themenfeld Rechtsextremismus, Rassismus, Gewalt mit alternativen Jugendkulturangeboten verknüpft wurden, wie z.B. Live-Bands, Theaterworkshops, Angebote zum Kennenlernen anderer Kulturen, Anti-Rex-Stadtspiel (in Pößneck), Street-Basketball (in Triptis), „Tour de Toleranz“ (in Neustadt/O.) usw.

 
  nach oben  
     
     
  8. Projekte und Netzwerke  
     
 

Seit Juli 2001 gibt es gewissermaßen ein konzeptuelles Dach und finanzielles Fundament für diese Arbeit. Die verschiedenen Aktivitäten in Neustadt, Triptis und Umgebung sind als „Jugendprojektwerkstätten für ein gewaltfreies Miteinander“ zusammengefasst. Diese Projektarbeit wird aus dem Bundesprogramm CIVITAS gefördert. Sie finden in Zusammenarbeit mit der Initiative in Triptis und der neuen Arbeit Neustadt (Orla) e.V. statt.

Ausgehend von der Beschäftigung mit Rechtsextremismus einerseits und Zivilgesellschaft andererseits wenden sie sich gegen Gewalt und regen Zivilcourage an und verstehen sich als Initiativen von Jugendlichen für Jugendliche.

 
     
 

Die Projektwerkstätten bieten nicht nur die Möglichkeit, sich ganz praktisch gegen REX zu engagieren.

Sondern es gibt die Chance, dabei eigene Interessens- oder Ansatzpunkte einzubringen oder gemeinsam mit anderen zu finden.

In den Projektwerkstätten wird eine Abfolge von Aktivitäten mit jeweils begrenzten Zeithorizonten durchgeführt, um immer wieder neu Zugangs- und Mitmachmöglichkeiten zu schaffen.

Die Arbeit erfolgt in Arbeitsgruppen welche jeweils eine bestimmte Aktion, Veranstaltung, Information erarbeiten.

Die Arbeitstreffen finden u.a. in den Schulclubs, im Jugendhaus, im Freizeitzentrum, im Trial, im Jugendcafe, oder in Betrieben statt. Sie sind offen für alle Interessierte.

 
       
 

Die Projektwerkstätten

...wenden sich an Jugendliche im Alter von ca. 12 – 20 Jahren

...greifen vorhandene Problemlagen, Interessen oder Aktivitäten auf

...versuchen, Lücken im Angebot für Rat, Hilfe und Organisierung     zu schließen

...beziehen Position gegen ideologisierte verbale oder körperliche Gewalt

...führen die bisherige Arbeit der Initiative N.O. fort und ergänzen     sie

...arbeiten an einer bunten Kultur

...stehen in Kooperationen mit Schule und Jugendarbeit

...und bilden Ideenketten, Rückkopplungen, multiplikative Effekte

   
       
 

Daran arbeiten in der Initiative für ein gewaltfreies Miteinander zur Zeit rund 20 Personen. Mehr als drei Viertel von ihnen sind Jugendliche, Schülerinnen und Schüler.

Es finden wöchentliche Treffen statt in denen die laufende Arbeit beraten, strukturiert und geplant wird. Es gibt Projektteams für verschiedene Arbeitsfelder wie Medien, Film, Musik, Texte; den Bereich andere Kulturen, Info- und Webgruppe, Theater-AG und auch den Plan B – womit bei uns das Reagieren auf Naziumtriebe gemeint ist.

 
     
 

Und wir sind darum bemüht, Angebote von anderen Anti-REX-Organisationen oder –Gruppen in die Region zu holen und weiterzuvermitteln, wie z.B. von MOBIT, ABAD oder Beiträge der Landeszentrale für politische Bildung.

Für eine Stärkung des zivilgesellschaftlichen Engagements, für Demokratisierung und Partizipation unterstützen wir Kampagnen und Aktivitäten, wie z.B. die „Respekt“-Kampagne oder den Gründungsprozess für ein Jugendparlament im Saale-Orla-Kreis.

Wir sind Multiplikatoren für Jugendkongresse und Demos auf Landes- oder Bundesebene, an denen wir auch selber teilnehmen.

 
     
 

Ziel ist es, die Projektwerkstätten als lokale zivilgesellschaftliche Initiativen über den Austausch mit anderen zu einem regionalen Netzwerk zu entwickeln.

 
     
     
  Ein Ankerpunkt dafür ist das Prowe- Info-Cafe, das wir nun als festen wöchentlich Treff, Aktions- und Informationsmarkt aufbauen.  
     
 

Zivilcourage? Heißt ja erst mal anzufangen, was zu machen, sich einzusetzen, Leute zum mitmachen zu bewegen, Position zu beziehen und zu behaupten.

Macht viel Arbeit. Macht aber auch Spaß. Und es bringt auch was.

 
     
 

In den Projektgruppen wurde häufig ein Modell konzentrischer Kreise herangezogen, um die (machbaren) angestrebten Wirkungen der Arbeit gegen Rechtsextremismus/für Zivilgesellschaft zu beschreiben:

Die Engagierten stärken, die Unentschlossenen gewinnen und den rechten Kreis auflockern.

 
     
 

Die ersten Schritte waren vielversprechend.
Es folgten noch viele weitere.
Mittlerweile (2007)
ist ein Jugendcafe und Veranstaltungsort aus dem begonnenen Netzwerk von Initiativen und Engagierten entstanden.
Und N.O. ist dabei.

nach oben

 
     
     
       
   
     

[www.gewaltfreimiteinander.de]